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Nachhaltigkeit in der Mobilität: Eine inzwischen verlorene Hoffnung?

Blog-Eintrag   •   Nov 10, 2015 09:00 CET

Nachhaltige Mobilität ist ein wichtiges Thema, das zeigt nicht erst der Abgas-Skandal von VW. Es  verbindet die beiden schon für sich komplexen Diskurse Mobilität und Nachhaltigkeit:

Mobilität bildet die Grundlage der Moderne. Keine Moderne ohne den gesellschaftlich subventionierten, möglichst ungehinderten Verkehr von Personen, Waren und Dienstleistungen. Wenn dabei Grenzen überschritten werden, nennen wir das Globalisierung. Mobilität ist eine Voraussetzung des aktuellen Gesellschaftsmodells. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik haben keinen Zweifel daran, dass sie wichtig ist.

Nachhaltigkeit ist so etwas wie ein Zielort der Postmoderne. Sie soll erst noch hergestellt werden. Das Attraktive an der Debatte über die Nachhaltigkeit ist die positive Konnotierung. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen definieren Nachhaltigkeit zwar sehr unterschiedlich, aber sie sind sich einig, dass Nachhaltigkeit etwas Gutes ist.

Ein weiterer Vorteil des Diskurses ist seine Realitätssetzung: Niemand kann ernsthaft gegen Nachhaltigkeit argumentieren, ohne sofort in fundamentale Erklärungsnöte zu geraten. Mit dem Hinweis auf Nachhaltigkeit lässt sich nahezu jede Verhaltensweise und vor allem auch jede Verhaltensreglementierung legitimieren. „Sustainable Development“ lässt sich als neues „integrierendes Leitbild“ der Postmoderne kennzeichnen, das nach dem Verlust der großen gesellschaftlichen Projekte in den 1980er Jahren deren Funktion übernommen hat.

Gerade ein Blick in die Geschichte des Begriffs Nachhaltigkeit zeigt allerdings, in welchem gesellschaftlichen Kontext die Vorstellung der Nachhaltigkeit entwickelt wurde. Denn der Begriff ist viel älter, als wir gern denken. Er stammt aus der Zeit der „Holznot“ Ende des 18. Jahrhunderts. Das Konzept der Nachhaltigkeit sollte den Zugriff auf die Zentralressource der vormodernen Gesellschaft regeln.

Bei der Nachhaltigkeit geht es also letztlich um Zugriffsrechte auf gesellschaftliche Zentralressourcen.

Für die Mobilität heißt das: „Nachhaltige Mobilität“ ist vor allem ein Diskurs um gesellschaftliche Mobilitätschancen bzw. um die Mobilitätsverteilung in einzelnen Gesellschaften und im globalen Rahmen. Eigentlich geht es darum, welche Individuen, sozialen Gruppen und geographischen Regionen zu der Zentralressource Mobilität Zugang haben.

Aus historischer Perspektive erkennen wir zwei oft übersehene Aspekte. Der Nachhaltigkeitsdiskurs ist

1. gekennzeichnet durch seine Geschichts- und Zeitlosigkeit und

2. rückgebunden an ein funktionales Menschenbild: Er geht davon aus, dass nachhaltiges Verhalten durch Überzeugungsarbeit und materielle Anreize hergestellt werden kann.

Beide Grundaxiome führen bei den Verfechtern der Nachhaltigkeit konsequent zur Resignation, eben weil vieles in der Praxis doch nicht so leicht funktioniert.

Der NIMIRUM-Experte Dr. Günther Oetzel, unser Kulturhistoriker der Technikzukünfte, kann helfen, indem er analysiert, wie viel Realität in den aktuellen technologischen Wunschvorstellungen steckt. Der Vorteil liegt in der Analysebasis, die nicht von einem zukünftigen Idealzustand und Idealverhalten ausgeht, sondern vom Realverhalten von Menschen in Raum und Zeit.

Fünf Untersuchungsperspektiven die eine Trendanalyse von NIMIRUM anbieten kann:

1. Diskurs: Wie ist die Sprache des Nachhaltigkeitsdiskurses beschaffen?

2. Materielle Kultur: Wie sieht das Menschenbild der Nachhaltigkeitsmodelle in Bezug auf den Umgang des Menschen mit Dingen aus?

3. Ideologiekritik: Wie werden durch den Nachhaltigkeitsdiskurs gesellschaftliche Machtfragen verhandelt?

4. Technologie: Wie stellen die aktuellen Nachhaltigkeitsmodelle materielle Prozesse dar (z.B. Definitionen von Müll/Abfall und Kreislauf)?

5. Energie-Träume: Allen Nachhaltigkeitsmodellen ist die Vorstellung einer finalen Lösung der Energiefrage gemeinsam – wie sieht sie jeweils aus?

Diese fünf Perspektiven skizzieren ein Arbeitsprogramm, das die Defizite des aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurses verdeutlichen. Zu der ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimension der Nachhaltigkeit muss eine vierte Dimension hinzutreten: die kulturelle.

Nutzen auch Sie die Expertise des Wissensdienstleisters NIMIRUM. Melden Sie sich noch heute für Ihre ganz eigene Trendanalyse.

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